Springe direkt zum: Inhalt

Civic Coding im Gespräch: Einführung einer KI in einer gemeinwohlorientierten Organisation: Das Projekt DRK-Assist

In unserer Interviewreihe „Civic Coding im Gespräch“ werfen wir einen Blick hinter die Kulissen von gemeinwohlorientierten KI-Projekten. Projektteams geben Einblicke in ihre Arbeit und teilen Herausforderungen, Learnings und Erfolge. In dieser Ausgabe sprechen wir mit Gregor Kijora, der Leiter der Abteilung Digitale Dienstleistungen bei der DRK-Service GmbH ist, über das Projekt DRK-Assist. Die DRK-Service GmbH ist ein Organisationsteil des Deutschen Roten Kreuzes, das Anwendungen und Dienstleistungen zur Verfügung stellt, die die Arbeit der Mitarbeiter*innen bei dem DRK unterstützen und verbessern. Dazu gehört zum Beispiel ein eigener Verlag wie auch verschiedene digitale Dienstleistungen, zu denen DRK-Assist zählt.

Über das Projekt DRK-Assist

Bei der KI-Anwendung DRK-Assist handelt es sich um eine generative Chat-KI, die Fragen zum Fachwissen des DRK beantwortet, wie beispielsweise fachspezifische Fragen zur Rotkreuzarbeit und auf Textpassagen aus der Wissensdatenbank verweist. Als Datenbasis werden Dokumente der DRK-Wissensdatenbank verwendet.

Weitere Infos zu DRK-Assist findest du auch in unserem Bericht zum Civic Coding-Forum: „KI trifft Gemeinwohl“

Erläutere uns bitte kurz den Weg von der Idee bis zur Umsetzung von eurer gemeinnützigen KI-Anwendung?

Gerne, das Projekt lief schnell an, hat sich aber in der Umsetzungsphase etwas in die Länge gezogen. Dabei kam uns die Idee zur Anwendung, als wir uns das erste Mal mit Chat-GPT beschäftigt und auch gefragt haben, wie wir diese Lösung auch für das DRK nutzbar machen können. Es gab dann auch strategische Überlegungen, wie wir nicht nur zu einem Konsumenten von KI werden, sondern die Technologie auch früh in die Organisation mit reinholen können. Zum Start des Projektes wurde eine strategische Arbeitsgruppe aus drei Personen gegründet, die sich mit den Fragen auseinandergesetzt hat, was die Mitarbeiter*innen des DRK brauchen und welche Art KI-Anwendung sich relativ schnell und sinnvoll umsetzen lässt. Als die Idee für ein Wissensmanagement stand, sind wir auf unseren Partner Microsoft zugegangen und haben gemeinsam mit einem Ansprechpartner aus dem NGO-Team die Details und Möglichkeiten besprochen. Im nächsten Schritt sind wir dann auf die langwierige Suche nach einem passenden Partner gegangen, da wir die notwendige Arbeit in der DRK-Service GmbH kapazitiv nicht selbst leisten konnten. Mit diesem Partner folgte ein Workshop zur Umsetzung der KI-Anwendung, woran sich dann die gemeinsame Programmierung, Anpassung und Testung von DRK-Assist anschloss. Aktuell haben wir die Beta-Version im Verband ausgerollt.

Welche Ziele verfolgt ihr mit der Einführung von DRK-Assist?

Das Hauptziel ist, dass wir Künstliche Intelligenz im Arbeitsumfeld des DRK bekannt machen und zum anderen auch Kompetenz innerhalb des Roten Kreuzes aufbauen wollen. Damit meinen wir die Kompetenz, eine KI-Anwendung selbst betreiben zu können, aber auch die, dass die Mitarbeiter*innen lernen, was und wie KI funktioniert. DRK-Assist bietet ihnen die Möglichkeit, KI in einem sicheren Raum auszuprobieren. Das zweite Ziel ist es, die Arbeit im Roten Kreuz zu verbessern, in dem Mitarbeiter*innen schneller an Informationen kommen und diese auch schneller verarbeitet werden. Denn unser Tool gibt nicht nur Antworten auf Fragen, sondern kann auch Aufgaben lösen. Wenn dem DRK-Assist zum Beispiel die Aufgabe gestellt wird, einen Post für Social Media zu den Baderegeln in Binnengewässern oder den Compliance Leitlinien des DRK zu erstellen, sucht der DRK-Assist nicht nur die passenden Dokumente und Textstellen heraus, sondern erstellt aus diesen Informationen auch einen werblichen Social-Media-Beitrag in gewünschter Länge. Dabei wird nichts dazu erfunden, sondern als Quelle dienen ausschließlich die vorhandenen Dokumente und Texte beispielsweise der Wasserwacht und des Bundesverbandes.

Welchen Herausforderungen habt ihr euch im Team während des Einführungsprozesses gestellt?

Das Projektteam besteht nur aus drei Personen. Mit Blick auf das KI-Tool und wie es in der Organisation eingesetzt werden soll, ist das kein großes Team. Daher mussten sich die drei Teammitglieder intensiv mit der Technologie vertraut machen, was zu Anfang eine große Herausforderung war. KI war ja für alle neu und es gab nur wenige Leute, die uns das wirklich erklären konnten. Was ist das und wie funktioniert das? Da war es uns eine große Hilfe, dass wir in Kontakt mit Microsoft standen, die uns helfen konnten, zu erkennen, welche Technologie für uns sinnvoll und nützlich seien könnte. Die zweite Herausforderung waren die knappen Ressourcen und, dass wir dadurch auf Dienstleister*innen angewiesen waren. Und zum Schluss – ich hatte es schon erwähnt – den passenden Partner für die Umsetzung zu finden. Hier mussten wir auf Zwischentöne achten, um zu verstehen, was Dienstleister*innen leisten und was sie eben auch nicht leisten können. Dabei war es entscheidend zu erkennen, wer ein theoretisches Wissen zu KI besitzt und wer echte Erfahrungswerte hat.

Gibt es Besonderheiten, die Wohlfahrtseinrichtungen bei der Entwicklung und Einführung einer gemeinnützigen KI-Anwendung besonders im Blick haben sollten?

Es gibt mehrere Sachen, die entscheidend sind. Eine der größten Fallstricke ist, dass NGOs nicht darauf reinfallen sollten, in irgendwelchen „Umsonst“-Projekten festzustecken. KI ist extrem dynamisch. Wohlfahrtorganisationen sollten daher nicht auf billige Freeware setzen, die lange bleibt, wie sie ist, sondern auf eine zukunftsfähige Technologie, die zwar Geld kostet, sich aber auch auf Dauer bewährt.

Während der Entwicklungsphase habt ihr von der bereits bestehenden Zusammenarbeit mit Microsoft profitiert. Wie habt ihr die Zusammenarbeit gestaltet?

Microsoft selbst programmiert ja keine personalisierten Produkte oder ähnliches, das heißt sie wollten uns auch nichts direkt verkaufen. Sie hatten aber schon ein Interesse daran, dass das, was sie anbieten, auch von Referenzkunden wie dem DRK genutzt wird. Wir haben gemeinsam Workshops durchgeführt und Microsoft hat uns dahingehend beraten, mit welcher Technologie wir unseren Prototypen weiterentwickeln können. Es war eine gute und wirklich sehr spannende Zusammenarbeit.

DRK-Assist ist vor allem eine KI-Anwendung für Mitarbeiter*innen beim Deutschen Roten Kreuz. Wurden die Mitarbeiter*innen in die Ideenfindung und Entwicklung mit eingebunden?

Ich weiß, demokratische Beteiligungsprozesse sind supermodern. Wer aber große Verbände kennt, der weiß, wie viel Mühe und Zeit allein in der Gremienarbeit steckt. Unsere Idee war daher etwas anders: Wir wollen möglichst schnell eine erste Version entwickeln und dann mit Hilfe des Feedbacks der Nutzer*innen diese KI-Anwendung weiterentwickeln. Tatsächlich haben wir aber das Projekt auch schon vorher in verschiedenen Runden im Bundesverband vorgestellt und das daraus resultierende Feedback ist dann mit in die Konzeption eingeflossen.

Gibt es schon ein erstes Feedback zur Beta-Version? Wenn ja, möchtest du uns einen Einblick geben?

Alle Mitarbeiter*innen, die sich für die Nutzung des Tools angemeldet haben, haben mit Zusendung der Zugangsdaten auch einen Fragebogen für Feedback zugeschickt bekommen. Dabei kam leider nicht so viel Feedback rum, wie von uns gewünscht. Wir wollen daher auch nochmal proaktiv Feedback einholen. Das bestehende Feedback kann aber gut in zwei Gruppen unterteilt werden. Die erste Gruppe hat sich im Feedback vor allem auf die Technik bezogen. Das waren aber insgesamt nicht so viele, da hier teilweise einfach das tiefergehende Wissen fehlt. Die zweite Gruppe, zu der die meisten Rückmeldungen zählen, haben Feedback zum Content selbst gegeben. Das hat uns gezeigt, dass wir der KI noch mehr Dokumente zur Verfügung stellen und die KI noch stärker trainieren müssen, damit sich alle mit den Antworten abgeholt fühlen.

Zum Abschluss noch zwei Fragen: Welche Elemente, Erkenntnisse oder Errungenschaften eures Projekts könnten für andere Projektteams wertvoll sein?

Ich möchte hier nochmal auf einen Punkt zurückkommen, über den ich schon gesprochen habe: Möglichst nicht mit Spartenprodukten arbeiten, mit denen die Projekte dann auch schnell stecken bleiben. Lieber auf eine Technologie setzen, die zukunftsfähig und skalierbar ist und auch in der Zukunft weiterverwendet werden kann.

Und ist mittlerweile schon eine weitere Idee für ein KI-Tool bei der DRK gereift?

Wir haben mehrere Ideen, von denen eine auch schon inhaltlich weiter ausgereift ist. Diese KI-Anwendung soll die bundesweiten Angebote der DRK leicht zur Verfügung stellen, ohne dass die jeweilige Person genau wissen muss, wonach sie sucht. Das ist bei den meisten Wohlfahrtsorganisationen die große Herausforderung, dass Menschen, die unterstützt werden wollen, schon genau wissen müssen, wonach sie suchen. Da wollen wir nun etwas entwickeln, dass es der Bevölkerung deutlich einfacher macht, auf die richtigen Unterstützungsangebote zu kommen. Aber das ist Zukunftsmusik. Vorerst konzentrieren wir uns auf den DRK-Assist.

Vielen Dank für das Gespräch und die spannenden Einblicke!

Civic Coding im Gespräch: Lernende Systeme in der Beratung

Im zweiten Interview der Reihe sprechen wir mit Angela Berger über das Projekt CariFIX. Das KI-Tool unterstützt Mitarbeiter*innen der Caritas mit Hilfe der vorhandenen Daten in alltäglichen Beratungssituationen, in denen Berater*innen eine konkrete Frage ausgemacht haben, zu der sie Expertise benötigen. Das System bringt genau jene miteinander in Kontakt, die die Expertise suchen und jene, die sie bieten – ohne größeren Mehraufwand für Profilpflege und Forenbedienung.

Zum Interview

Civic Coding-Update

Jetzt anmelden und keine Neuigkeiten verpassen! Mit dem Civic Coding-Update wollen wir dich über Veranstaltungen, Förderangebote und Projekte aus der Initiative und der KI-Welt auf dem Laufenden halten.